Manuela Kalsky


Christaphanien


Christaphanien. Die Re-Vision der Christologie aus der Sicht von Frauen in unterschiedlichen Kulturen.

Je länger ich mich mit der Heilslehre des Christentums – der Christologie - beschäftigte, um so mehr wuchs meine Überzeugung, dass ein Nachdenken über die Christologie aus feministischer Sicht die Bereitschaft voraussetzt, kreative Heilsvorstellungen von Frauen in Bruch und Kontinuität mit der christlichen Tradition zuzulassen und zu fördern. Ich halte es für wichtig, dass die Antworten auf die Frage, was Heil, Befreiung, Erlösung heute konkret im Leben von christlichen Frauen und Männern bedeuten, nicht länger ausschließlich in männlicher Sprache und mit Hilfe von männlichen Symbolen dargestellt werden. Der Begriff Christaphanien soll einen Beitrag dazu leisten.

Der erste Teil des Wortes - Christa - lädt christliche Frauen in unterschiedlichen Kulturen dazu ein, ihre Erfahrungen und Geschichten über Unheil und Heil, über Kreuzigung und Auferstehung zu erzählen und gemeinsam zu reflektieren. Christa hat dabei die Funktion, den Erfahrungen von Frauen Nachdruck zu verleihen und sowohl im sprachlichen wie im bildlichen Bereich die Selbstverständlichkeit eines männlichen Christusbildes zu durchbrechen. Sie soll das sichtbare Zeichen dafür sein, dass sich die fortdauernde Möglichkeit der Offenbarung Gottes auch in einem Frauenkörper vollziehen kann. Sie soll die Vorstellungskraft von Frauen anregen, um so möglicherweise andere als die gängigen Heilsvorstellungen aufzuspüren.

Der zweite Teil des Wortes dagegen - phanien - hat die Funktion, diese Heilsimaginationen und die damit verbundene Idee der Machbarkeit des Heils für Frauen (und Männer) wieder zu relativieren. Phanien soll daran erinnern, dass auch die Bemühungen, heilsame Vorstellungen von Christa zu schaffen, den Weg aller Ideologie gehen und in ihr Gegenteil verkehren können. Es soll die Erinnerung an ‘Epiphanien’ wachhalten, an die plötzlichen und unerwarteten Momente, in denen das Heilige erscheinen/geschehen kann. Somit geht es bei Christaphanien nicht nur darum, Heilsvorstellungen und Heilssehnsüchte von Frauen sichtbar zu machen, sondern auch um die Bereitschaft, sich dem zu öffnen, was nicht nur im positiven Sinne überrascht und verwundert, sondern die eigenen Heilsvorstellungen möglichweise unangenehm kritisiert, verändert und vielleicht als unzulänglich für das gute Leben aller entlarvt. Ich hoffe so, dass Christa nicht zu einem dogmatischen Bild erstarren kann, sondern den beweglichen Charakter des Suchens behält.

Christologische Entwürfe von Theologinnen

Der Begriff Christaphanien entstand während meiner Beschäftigung mit den feministisch-christologische Entwürfen von christlichen Theologinnen in unterschiedlichen Kulturen. In meinem Buch stelle ich verschiedene dieser Ansätze ausführlich dar. Ich habe mich darum bemüht, die jeweilige Eigenheit dieser unterschiedlichen christologischen Ansätze in den Blick zu bekommen. Von Anfang an waren es die kontextuellen Unterschiede, geprägt von Rassismus, Kolonialismus, Sexismus und Armut, und die damit verbundene Vielfalt an Erfahrungen und Geschichten von Unheil und Heil, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aber neben allen Unterschieden entdeckte ich auch Gemeinsamkeiten, zum Beispiel im Hinblick auf die Verbundenheit mit dem christologischen Erbe der Väter. Trotz aller Kritik an der traditionellen patriarchalen Christologie übernahmen viele feministische Theologinnen nahezu selbstverständlich die christologischen Spielregeln der Väter. Auch ihr christologisches Interesse richtete sich zunächst auf die Re-Interpretation Jesu. Die Frage, ob oder inwiefern es überhaupt wünschenwert ist, die Frage nach Heil und Befreiung aus feministischer Sicht auf die Person Jesu zu fixieren und zu begrenzen, wurde nicht gestellt. Damit vollzog sich die Neubestimmung der Christologie zunächst innerhalb des zur Verfügung stehenden traditionell-dogmatischen Gebäudes, ohne dessen Fundament einer kritisch-feministischen Untersuchung zu unterziehen.

Um die Verbindungslinien zwischen traditionellen und feministisch-christologischen Modellen besser in den Blick zu bekommen, habe ich mich ausführlich mit der christologischen Tradition “der Väter” und deren Suche nach dem historischen Jesus während der letzten zwei Jahrhunderte beschäftigt. Das erste Kapitel meiner Arbeit handelt hiervon.

Die dort geführten Diskussionen haben auch in feministischer Christologie deutliche Spuren hinterlassen. Auf einen problematischen Aspekt des ‘Erbes der Väter’ gehe ich ausführlich ein, und zwar auf das Problem des Antijudaismus in feministisch-christlicher Theologie.

Antijudaismus und die Bestimmung christlicher Identität

Kurz zusammengefasst komme ich in meiner Arbeit zu dem Ergebnis, dass der von den “theologischen Vätern” geerbte Antijudaismus in feministisch-christologischen Entwürfen auf ein Problem hinweist, das mit der Bestimmung christlicher Identität zusammenhängt. Ich meine, dass die Wurzel des Antijudaismusproblems in der Idee liegt, dass in Jesus und in dessen Einzigartigkeit das Fundament christlicher Identität zu suchen ist. Der damit verbundene Gedanke, dass in ihm etwas einzigartig Neues, etwas Revolutionäres geschehen sein müsse, das das Alte überwunden habe und noch immer überwindet, produziert ein “die Anderen” ausgrenzendes Kontrastdenken. Ich vertrete in dieser Arbeit die Meinung, dass – will man Antijudaismus vermeiden - erstens christliche Identität nicht länger auf diesem Kontrastdenken basieren darf, und zweiten, christliche Identität ihr Fundament nicht länger in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft suchen muss. Dies hätte zur Folge, dass die Person Jesu nicht länger als Legitimation christlicher Identität fungiert, sondern dass die biblischen Geschichten, die von ihm und der Vision einer in Christus vereinten Menschheit erzählen, als Inspiration einer in der Zukunft zu suchenden christlichen Identität dienen. Ich plädiere für eine ‘beziehungsorientierte Identitätssuche’, die das Anderssein der anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung für die eigene Identität auffasst. Es geht dabei um eine Identität, die nicht feststeht, sondern im Wandel begriffen ist. Um dabei nicht spezifische Vorstellungen von Heil zu verabsolutieren, ist die Begegnung und die Kommunikation über kontextuelle Erfahrungen von Heil und Unheil eine Notwendigkeit. Nicht in von vorn herein feststehenden Wahrheitsansprüchen und dem Festhalten an einer Logik der Einheit, sondern in der Interaktion mit andersartigen Heils- und Unheilserfahrungen sind meines Erachtens Momente göttlicher Offenbarung zu suchen, und liegen Möglichkeiten für eine inhaltliche Bestimmung der Christusinterpretation. In diesem Sinne handelt es sich bei der Re-Vision der Christologie aus feministischer Sicht um ein auf Begegnung hin angelegtes Kommunikationsprojekt, in dem es gilt, die Differenzen im Unheils- und Heilsverständnis zu nutzen. Diese Begegnungen mit den “konkreten Anderen” werden zum Ort des Wahrheitsgeschehens.

Hiermit ist die Re-Vision der Christologie aus feministisch-ökumenischer Sicht nicht länger eine Variation im traditionellen Spiel um den historischen Jesus und den kerygmatischen Christus. An die Stelle der Re-Interpretation der Person Jesu als Herz der Christologie und seiner damit oftmals verbundenen heldhaften Einzigartigkeit tritt eine Vielfalt an Geschichten von Menschen, die miteinander auf der Suche sind nach zeitgemässen Antworten auf die Frage, was Unheil und Heil heute für sie in all ihrer Verschiedenheit bedeuten. Dabei wird ein auf Relationalität beruhendes Identitäts- und Universalitätskonzept entwickelt, in dem Differenzen nicht ausgegrenzt, sondern fruchtbar gemacht werden. Es entsteht Raum für Christaphanien, für die Wahrnehmung von und die Konfrontation mit den Unheils- und Heilserfahrungen der Anderen. Und wo bleibt Jesus? Wird das christliche Glaubensbekenntnis zu ihm als dem Christus nicht bedeutungslos? Meines Erachtens ist dies nicht der Fall. Seine Bedeutung verschiebt sich lediglich. Es ist die Einladung, nicht an ihn, sondern mit ihm zu glauben.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert:

Das erste Kapitel handelt von der Suche nach dem historischen Jesus während der letzten zwei Jahrhunderte. Zunächst gilt mein Interesse der Leben-Jesu-Forschung im 19. Jahrhundert. Trotz ihres gescheiterten Versuches, das Leben Jesu historisch zu rekonstruieren, verstummte die Diskussion um den historischen Jesus nicht. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Frage nach dem historischen Jesus und seinem Verhältnis zum Christus des Glaubens erneut aktuell. Auf diese Entwicklung bis hin zur neuesten Jesus-Forschung, die seit Mitte der achtziger Jahre eine wahre Flut an Jesusstudien nach sich zog, gehe ich im mittleren Teil dieses Kapitels ein. Im letzten Teil wird die Frage nach dem historischen Jesus aus befreiungstheologischer Sicht behandelt. Eingebettet in die Emanzipationsbestrebungen der sechziger Jahre und der damit verbundenen Entfaltung einer politischen und befreiungstheologischen Hermeneutik, steht der christologische Entwurf des nordamerikanischen schwarzen Theologen James Cone im Mittelpunkt. Meine Wahl fiel auf ihn, da er als einer der bedeutendsten Vertreter Schwarzer Theologie in Nordamerika gilt und - wie im dritten Kapitel deutlich werden wird - sein "väterliches Erbe" in Womanistischer Theologie und Christologie wiederzufinden ist.

Das zweite Kapitel handelt von der Christologie aus feministischer Sicht. Zunächst erfolgt ein historischer Rückblick auf die Anfänge Feministischer Theologie und auf die Entwicklung der feministisch-christologischen Diskussion in Nordamerika und Europa. Am Beispiel des Antijudaismusvorwurfes wird näher auf die drohende Reproduktion der epistemologischen Logik der Väter in feministischer Christologie eingegangen. Es wird aufgezeigt, dass diese Logik die Gefahr in sich birgt, alles, was "anders" ist, auszublenden, beziehungsweise zu annektieren. Danach werden zwei feministisch-christologische Modelle ausführlich dargestellt: das der nordamerikanischen katholischen Theologin und Historikerin Rosemary Radford Ruether und das der nordamerikanischen anglikanischen Theologin (Isabel) Carter Heyward. Aus befreiungstheologisch-orientierter Sicht haben beide die feministisch-christologische Diskussion entscheidend beeinflusst. Sie suchen in Bruch und Kontinuität mit der christlichen Tradition nach einer patriarchatskritischen Neubestimmung der Christologie, wobei ihre Reformbestrebungen meines Erachtens über die Reinterpretation Jesu Christi hinausgehen und die epistemologischen Grundlagen traditionell-christologischer Aussagen kritisieren.

Im dritten Kapitel stehen christologische Modelle asiatischer, afrikanischer und afrikanisch-amerikanischer Theologinnen im Mittelpunkt. Nach einer kurzen Einführung in die im Rahmen der EATWOT entwickelten Zusammenarbeit Dritter-Welt-Theologinnen gehe ich ausführlich auf den christologischen Entwurf der ghanesischen Theologin Mercy Amba Oduyoye ein. Danach kommen die philippinische Theologin Virginia Fabella und die Südkoreanerin Chung Hyun Kyung zu Wort. Im letzten Teil wird die Christologie aus der Sicht womanistischer Theologinnen behandelt. Mit Hilfe dieser Ausführungen soll ein Eindruck der Antworten auf die christologische Frage, was Heil, Befreiung und Erlösung in dem jeweiligen Kontext für christliche Frauen bedeuten, vermittelt werden. Es wird deutlich, wie sehr gerade für Frauen die unterschiedlichen Unterdrückungsformen aufgrund von Geschlecht, Rasse, Kultur, Klasse usw. miteinander verflochten sind und welche Konsequenzen sich hieraus für die Re-Vision der Christologie aus feministischer Sicht ergeben.

Im vierten Kapitel wird zunächst kurz auf gemeinsame Tendenzen in den zuvor behandelten christologischen Ansätzen eingegangen. Danach richtet sich der Blick darauf, wie Differenzen. “heilsam” genutzt werden können. Die zu Beginn der Arbeit geäußerte Vermutung, dass die kontextbedingten Unterschiede im Heils- und Unheilsverständnis von Frauen in verschiedenen Kulturen und die damit verbundene Kritik am latenten Rassismus, Antijudaismus, Eurozentrismus und Sexismus gängiger christologischer Entwürfe die Chance zur Überwindung dieser Unterdrückungsstrukturen bieten, wird in Bezug auf die Konzeption der Christologie näher ausgearbeitet. Zu diesem Zweck greife ich drei Themenkomplexe aus dem Vorhergehenden auf und führe diese weiter aus. Der erste Themenkomplex betrifft den Bruch mit der traditionellen Bestimmung und Verortung christlicher Identität und die damit verbundene Forderung, die kontrastierende Logik christlicher Identitätsbestimmung zugunsten der Suche nach einer beziehungsorientierten Identität im Horizont messianischer Heilserwartung aufzugeben. Der zweite betrifft die Suche nach messianischen Vorstellungen und Geschichten von Frauen, in denen sich das Christusgeschehen in kontextuellen Christaphanien re-lokalisiert. Der dritte schließlich bezieht sich auf die Anerkennung der selbst bestimmten "Andersartigkeit der Anderen", wobei die damit verbundene Pluralität an Heilsvorstellungen eine auf Einheit fixierte Christologie unmöglich macht.

©2005 Manuela Kalsky